Muckefuck. Berlin. Links. Ungefiltert.

Mittwoch, 6. Mai 2026

Höchstleistung
Berlin bewirbt sich um Austragung der olympischen Spiele

Letzter Platz
Ampelschaltung verursacht Tram-Stau
Guten Morgen,

und Sport frei! Sehnt ihr euch nicht, gerade jetzt in der besinnlichen Zeit zwischen dem 1. Mai und dem Karneval der Kulturen, mal wieder nach einem richtigen Megaevent? Nach U-Bahnen voller Touristen, Urin in den Hauseingängen und drastisch gestiegenen Bierpreisen im Späti? Sorgt euch nicht, der Senat denkt an euch: Nach dem Willen der und des Regierenden soll es bald soweit sein: Olympia kehrt nach Berlin zurück!

90 Jahre ist es her, als 1936 die Athleten dieser Welt in der deutschen Hauptstadt zusammenkamen. Damals fanden die Spiele bekanntermaßen unter der Hakenkreuzfahne statt. Angesichts aktueller politischer Entwicklungen erscheint das auch für den vom Senat anvisierten Termin im Jahr 2036 nicht unwahrscheinlich. Höchstwahrscheinlich ist dagegen, dass Kai Wegner (CDU) dann nicht mehr im Roten Rathaus sitzen wird. Trotzdem ist der bekennende Tennis-Fan ausgesprochen euphorisch angesichts der Turn- und Hüpfspiele. Er sei »nicht nur begeistert, sondern zutiefst überzeugt«, sagte Wegner am Dienstag nach der Sitzung des Senats, in der das Olympia-Konzept beschlossen wurde.

»Berlin+« ist das Olympia-Konzept benannt, zu dem auch eine Bewerbung für die paralympischen Spiele im selben Jahr gehört. »Machbarkeit und Finanzierbarkeit« zeichneten die Berliner Bewerbung aus, so der Olympia-Beauftragte Kaweh Niroomand. Derlei Bodenständigkeit findet der »Muckefuck« natürlich sympathisch, auch wenn wir uns schon fragen, ob das nicht wortwörtlich Selbstverständlichkeiten sind. Auch ein in der Bundeshauptstadt bekanntermaßen hochgeschätzter Wert soll in die Bewerbung eingehen. Die Berliner Olympia-Bewerbung soll »authentisch« sein, versicherte Niroomand. »Unser Konzept gibt die Realität Berlins wieder.«

Berlin hat auch direkt eine Chance, das unter Beweis zu stellen. Zusätzlich zu den 30 vom Internationalen Olympischen Komitee vorgegebenen Sportarten darf der Gastgeber auch fünf eigene Vorschläge einbringen. Eine Kurzumfrage im Muckefuck-Hauptquartier zeigt, dass es an Ideen nicht mangelt. Dosenstechen kristallisiert sich schnell als Publikumsliebling (Austragungsort: Der Aldi-Parkplatz in Schöneweide). S-Bahn-Surfen, E-Scooter-Hürdenlauf und Partymarathon (Doping ausnahmsweise erlaubt) folgen auf dem Treppchen.

Ursprünglich wollte sich Berlin um eine gemeinsame Bewerbung mit Hamburg bemühen. Die eigensinnigen Hanseaten machen nun aber ihr eigenes Ding. So muss sich Berlin mit Bundesländern aus der zweiten Reihe als Partner begnügen. Sachsen, Niedersachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sollen jetzt mit der Hauptstadt kooperieren. Neben den untreuen Hamburgern konkurrieren auch das ebenfalls olympiaerfahrene München sowie das Bundesland Nordrhein-Westfalen mit dem Nordost-Bund um die deutsche Olympia-Bewerbung.

Die Strecken zwischen den Sportstätten sollen in wahrlich sportlicher Geschwindigkeit überwunden werden. So behauptet es zumindest Innen- und Sportsenatorin Iris Spranger (SPD). Innerhalb von anderthalb Stunden könne man etwa mit dem Zug von einem Ruderwettbewerb in Warnemünde zurück nach Berlin zur Siegerehrung am Brandenburger Tor fahren, versprach Spranger. Falls ihr euch gerade am Kopf kratzt: Ja, das ist ausgesprochen optimistisch. Wie leidgeplagte Tagesausflügler wissen, ist die Strecke eigentlich nicht unter zweieinhalb Stunden zu schaffen.

Auf die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit hingewiesen, verwies Spranger auf angebliche Absprachen mit der Deutschen Bahn. »Uns wurde bestätigt, dass das gehen würde«, sagte sie. Wegner sprang ihr bei: »Das ist ein Beispiel dafür, was ohne die Spiele nicht gehen würde.« Warum es erst einen internationalen Sportwettbewerb braucht, um attraktive Zugverbindungen in Ostdeutschland zu schaffen, erschließt sich dem »Muckefuck« nicht. Aber wir wollen auch nicht alles madig machen.

Bild des Tages

Komm'Se ruff, können'Se rienterkieken: So stellt sich der Senat die Olympia-Pyramide auf dem Tempelhofer Feld vor. | Abbildung: Kulturprojekte Berlin

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Generell wird Olympia die Berliner Infrastruktur retten, glaubt man den Versprechungen des Senats. Die Spiele würden einen »Mehrwert« für Berlin bedeuten, versicherte Wegner. Olympia-Beauftragter Niroomand gab das bescheidene Ziel von 100.000 neuen Arbeitsplätzen aus, die die Spiele bringen sollen. Dabei müsse man noch nicht mal viel Geld ausgeben. »Wir können die Spiele quasi morgen ausrichten«, stipulierte Wegner. Denn neue Stadien oder Arenen bräuchte man nicht. Vielmehr wolle man schon vorhandene Infrastruktur modernisieren. Statt neue Sportstätten zu errichten, wird also einfach nur einmal im Olympiastadion gut durchgewischt.

Immerhin dürft ihr euch auf neue Deko freuen. »Wir denken schon an Merchandise«, beschrieb Moritz van Dülmen, Geschäftsführer der an der Bewerbung beteiligten Kulturprojekte Berlin, die Leitlinien der Stadtgestaltung rund um die Spiele. Unter anderem soll eine riesige Rampe zum Brandenburger Tor hinaufführen. Das sieht zwar hässlich aus, erlaubt aber ein praktisches Umgehen der Menschenmassen am Boden. Und auf dem Tempelhofer Feld soll eine nicht minder gigantomanische goldene Pyramide errichtet werden. Was das mit Olympia zu tun haben soll? Erinnert vielleicht entfernt an ein Siegertreppchen.

Trotz der angeblich überschaubaren Zahl notwendiger Maßnahmen sind die Kosten nicht abzusehen. Eine Kosteneinschätzung sei »aktuell nicht seriös«, sagte Spranger. Für die Bewerbung werde eine solche auch nicht verlangt. Wie man die Kosten kleinhält, zeigte Spranger direkt am Beispiel des Olympischen Dorfs. Dies sei »ohnehin« als neues Stadtquartier am westlichen Stadtrand geplant. »Das spart erhebliche Kosten«, versicherte Spranger, als würde das bedeuten, dass die Häuser so für umme gebaut würden. Bei der Rechenolympiade hat der Senat jedenfalls beste Chancen.

Wie schwierig das mit den Zahlen ist, zeigt auch ein Blick auf die Ampelschaltung an der Kreuzung Landsberger Allee und Petersburger Straße. Die Grünphasen der dortigen Ampel und die Taktung der dort verkehrenden Straßenbahnen wollen einfach nicht zusammenpassen. Das Ergebnis: Regelmäßig kommt es an dem Tram-Knotenpunkt zu zeitfressenden Staus. Verstärkt wird das nun durch Gleisarbeiten am Roederplatz. Wo es im Tramnetz noch immer wieder staut, hat unser Nahverkehrsexperte Nicolas Šustr herausgefunden.

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Patrick Lempges

Aufgemuckt

»Wir können die Spiele quasi morgen ausrichten.«

Kai Wegner (CDU)
Weltmeister in der Disziplin Wahlversprechen

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Und später:

6. Mai um 20 Uhr
Literaturforum im Brecht-Haus
Chauseestraße 125, 10115 Berlin
Eintritt: 6,80 Euro

Macht der Ökonomen. Die Köpfe hinter dem Kapitalismus

Ökonomen beraten Regierungen und Unternehmen, prägen politische Entscheidungen und beeinflussen unseren Alltag weit über wirtschaftspolitische Fragen hinaus. Ob in der Klimakatastrophe oder der Pandemie: Weltweit legen wir unser Vertrauen in eine Lehre, die kein Konzept von Moral oder Gerechtigkeit kennt. In »Die neuen Propheten. Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen« (2026) legt der Ökonom Daniel Stähr eine Kritik an der Deutungsmacht seiner eigenen Disziplin vor. Im Gespräch mit Sebastian Friedrich geht es um die Köpfe hinter dem Kapitalismus. Teil der Veranstaltungsreihe »Roter Mai« der Zeitschrift »Jacobin«.

Video des Tages

Bald olympisch: Demonstration der Trendsportart Dosenstechen | Quelle: Youtube

»Klassentreffen« ist ein Podcast über Klasse, Krise und Kultur mit Olivier David. Jeden Monat neu auf
dasnd.de/klasse


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