Muckefuck. Berlin. Links. Ungefiltert.

Dienstag, 23. Juni 2026

Warnsignal aus dem Klassenzimmer:
Landesumfrage verdeutlicht Gewaltprobleme an den Berliner Schulen

SEZ-Quartier neu gedacht?
Abgeordnetenhaus diskutiert Alternative zum Vollabriss des SEZ in Friedrichshain

»Wir hätten Dich noch so gebraucht«:
Zivilrechtlerin und Antifaschistin Bianca Klose mit 53 Jahren verstorben
Guten Morgen,

»Wir bleiben standhaft«, verkündet der standhafte Berliner AfD-Abgeordnete Frank Scheermesser in einem aktuellen Instagram-Post. Am vergangenen Wochenende soll der, nennen wir ihn mal Politiker, in Friedrichshain einer hinterlistigen Attacke zum Opfer gefallen sein. Bei einem, nennen wir es mal Drive-By-Egging, hat eine Frau vom E-Roller aus offenbar mehrere Eier in Richtung Scheermeisters AfD-Stand gepfeffert. Warum diese Einleitung? Nun, der »Muckefuck« verurteilt natürlich jegliche Form von Gewalt – und beschäftigt sich deshalb heute mit einer neuen Studie zu den Verhältnissen an Berliner Schulen.

Als erstes deutsches Bundesland hat Berlin gestern eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung zur Konfliktlage an seinen Schulen vorgelegt. Das sogenannte Konflikt- und Gewaltbarometer basiert dem Senat zufolge auf den Angaben von mehr als 14.000 Schüler*innen und über 2500 Lehrkräften in der Hauptstadt. Die Ergebnisse der Studie, so formuliert es die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in einer Mitteilung, zeigen »wachsende Herausforderungen« an Berliner Schulen.

Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeitetenden hält demnach das beobachtete Ausmaß von Gewalt und Konflikten an der eigenen Schule für ein großes oder sogar sehr großes Problem. Fast zwei Drittel berichten von einer Zunahme der Gewalt seit der Corona-Pandemie. Gerade an Grundschulen kommt es laut der Studie immer häufiger zu digitalen Konflikten, während Schüler*innen wachsenden religiösen und sozialen Konformitätsdruck wahrnehmen. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) spricht von einem »deutlichen Warnsignal«. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (ebenfalls CDU) verspricht: »Wir werden gemeinsam mit Lehrkräften, Eltern sowie Expertinnen und Experten konkrete Maßnahmen erarbeiten.«

Zumindest die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat da so eine Idee. »Die Schulsozialarbeit muss ausgebaut werden«, fordert Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Der dramatische Lehrkräftemangel und die viel zu geringe Zahl an Sozialarbeiter*innen schränkten ein, was präventive Arbeit vor Ort leisten könne. Positiv bewertet Bensinger-Stolze den ab August bundesweit geltenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Grundschulen. Doch: »Entscheidend ist dabei die Qualität der Angebote. Halbe Sachen helfen nicht weiter.«

Ganz ähnlich sieht das Nicole Gohlke, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. Jede Schule brauche gut ausgestattete Teams mit Sozialarbeiter*innen, aber auch Schulpsycholog*innen. Die Ergebnisse der Studie, so Gohlke, überraschen nicht. »Kinder, denen Perspektiven genommen werden, die zu Hause Armut und Enge erleben, denen immer mehr Hilfs- und Unterstützungsangebote gestrichen werden – bei diesen Kindern entlädt sich Frustration«, teilt sie mit. Das sei die direkte Folge einer Politik, »die lieber über Bundesjugendspiele schwadroniert, statt echte Hilfen auf den Weg zu bringen«.

Bild des Tages

Berlin wird sie vermissen: Zivilrechtlerin und Antifaschistin Bianca Klose (1973–2026) | Foto: dpa/Paul Zinken

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Endlich auf den Weg bringen will Berlins Senat auch den Abriss des ehemaligen Sport- und Erholungszentrums (SEZ)in Friedrichshain – das zumindest machte Bausenator Christian Gaebler (SPD) bis zuletzt immer wieder deutlich. Mittlerweile steht der Abrissbagger vor dem ikonischen Ostmoderne-Bau allerdings still, gestoppt wegen artenschutzrechtlicher Bedenken. Eine Gelegenheit, die die Unterstützer*innen eines SEZ-Erhalts nicht ungenutzt gelassen haben: Mit dem Konzept »SEZ-Quartier neu denken« haben sie einen Alternativplan vorgelegt, über den nun im Abgeordnetenhaus beraten wurde.

Wo Aktivist*innen und Liebhaber*innen von DDR-Architektur bislang auf taube Ohren stießen, scheint sich tatsächlich etwas zu geändert zu haben. In den Reihen der schwarz-roten Regierungskoalition erkennt unser Stadtentwicklungsexperte David Rojas Kienzle so etwas wie Gesprächsbereitschaft für einen Teilerhalt des SEZ. Selbst aus den Reihen der Opposition ist Lob für »eine gewisse Öffnung« von Seiten des Senats zu vernehmen. Alles Wichtige aus dem gestrigen Bauausschuss und darüber, wie es nun weitergehen könnte mit dem SEZ, lest ihr hier.

Enden muss der heutige Newsletter leider mit einem tieftraurigen Abschied: Für Bestürzung sorgte gestern die Nachricht vom Tod Bianca Kloses. Am vergangenen Mittwoch ist die Gründerin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) mit 53 Jahren nach schwerer Krankheit verstorben, wie der Verein für Demokratische Kultur (VDK) am Montag mitteilte. Klose hatte bis zuletzt als Geschäftsführerin des VDK und Leiterin der MBR gearbeitet. Mit ihrem Tod verstummt eine der lautesten antifaschistischen Stimmen in Berlin – was bleibt, sind die Ergebnisse ihres unermüdlichen zivilgesellschaftlichen Engagements.

Die Anteilnahme an Kloses Tod ist groß. Allein aus dem Abgeordnetenhaus bekundeten die Fraktionen von Linke, Grünen und SPD ihr Beleid. »Bianca Klose war eine aufrichtige, engagierte und herzliche Kämpferin für unsere Demokratie und gegen Rechtsextremismus«, teilt außerdem Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) mit. »Liebe Bianca, mein letzter Gruß an Dich: Wir hätten Dich noch so gebraucht!« Ähnlich klingt ein Nachruf der Amadeu Antonio Stiftung, in dem es heißt, dass Klose »gerade jetzt« besonders fehlen werde. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) wiederum trauert um den Verlust »einer prägenden Persönlichkeit«. Auch der »Muckefuck« und die Redaktion des »nd« verneigen sich vor Bianca und allem, was sie für die Menschen in Berlin geleistet hat.

Wünscht euch trotzdem einen schönen Dienstag:
Patrick Volknant
Auch wir Journalist*innen müssen unsere Bohnen verdienen:
Ich trage zur Kaffeekasse bei!

Was heute noch wichtig ist:

Kein Termin für U-Bahn zum Mexikoplatz

Weil Unterlagen fehlen, gibt es derzeit keine Prognose, wann das Baurecht für die U3-Verlängerung im Berliner Südwesten kommt.

Nicolas Šustr

Geldstrafe für Blockade des Kraft­werks Jänsch­walde

Brandenburger Gericht verurteilt Klimaschützer der Gruppe »Unfrei­willige Feuer­wehr« für eine Aktion im Jahr 2022 zur Zahlung von 2400 Euro.

Andreas Fritsche

Aufgemuckt

»Wir fordern SPD und CDU dringend auf, vor der Wahl keine Fakten zu schaffen.«

Laura Valentukeviciute
Sprecherin von »Gemeingut in BürgerInnenhand« über das SEZ

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Und später:

Heute, 23. Juni um 17:30 Uhr
(Zur gleichen Uhrzeit auch am 24., 29. und 30. Juni sowie am 2. Juli)
JVA Tegel – Freistundenhof der ehemaligen TA III (Tor 2)
Seidelstraße 39, 13507 Berlin
Letzter Einlass: 17 Uhr

Gefangenentheater in der JVA Tegel: »Caligula.Inferno«

In »Caligula.Inferno« begegnen sich zwei der bedeutendsten Werke der Weltliteratur, die den Menschen in den Abgrund treiben: Albert Camus Drama über den römischen Kaiser Caligula, der gegen die Grenzen der Welt revoltiert, indem er seinen Untertanen Unmögliches abverlangt und eine willkürliche Schreckensherrschaft begründet und Dante Alighieris »Göttliche Komödie«, die uns hinab in die Kreise der Hölle führt. Jede Schuld findet hier ihren Ort, jede Tat ihre Strafe. Zwei Formen der Gefangenschaft, zwei Logiken ohne Ausgang. Zwischen Willkür und Gesetz taumelt der Mensch – in eine Hölle, die nicht im Jenseits liegt, sondern mitten unter den Menschen. Ein bleierner Zustand, der im Hier und Jetzt entsteht: durch System, durch Macht und Gewalt. Der Einlass zum Stück erfolgt bis 17 Uhr über Tor 2. Ein Nacheinlass ist nicht möglich.

Video des Tages

Deftones – Back To School (Mini Maggit) | Quelle: YouTube/Warner Records Vault

»Klassentreffen« ist ein Podcast über Klasse, Krise und Kultur mit Olivier David. Jeden Monat neu auf
dasnd.de/klasse


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