Muckefuck. Berlin. Links. Ungefiltert.

Dienstag, 30. Juni 2026

Glühende Stadtglatzen:
Initiative Baumentscheid misst Oberflächentemperaturen jenseits der 60 Grad

Lodernder Arbeitskampf:
Verdi erringt bessere Arbeitsbedingungen am Anne-Frank-Zentrum

Brandneue Sitzbänke:
Weiterer Abschnitt des Berliner Mauerwegs in Teltow saniert
Patrick Volknant, Team Hauptstadtregion
Guten Morgen,

was waren das nicht für tolle Bilder am Wochenende! Also nicht die von geschmolzener Fugenmasse an Leipziger Tram-Schienen, sondern die aus Berlin: Menschen gehen baden an der Krummen Lanke oder lassen sich sorglos am Potsdamer Platz vom Wasserwerfer der Polizei bespritzen. Scheinbar grandiose Gutwetterlaune bei 40 Grad, von der sich auch der ein oder andere Berliner Reporter hat anstecken lassen. Nicht aber der »Muckefuck«, der selbst heute – mit etwas kühlerem Kopf – das Gefühl nicht loswird: So ganz normal ist das doch alles nicht. Ein Eindruck, den die Aktivist*innen vom Baumentscheid e.V. teilen, die am Hitzerekord-Wochenende auf den Berliner »Stadtglatzen« nachgemessen haben. Wer wissen will, was zur heißen Hölle das bedeuten soll, muss wie immer weiterlesen.

»Das Wochenende hat gezeigt: Bäume und Hitzeschutz bekommen eine ganz neue Bedeutung«, sagt Heinrich Strößenreuther vom Baumentscheid dem »Muckefuck«. Die Berichterstattung über das Wochenende in manchen Medien sei das eine. »Wenn man aber in die Pflegeeinrichtungen guckt, sieht man die Folgen solcher Rekordtemperaturen für die Menschen.« Bei Ausnahmen werde es nicht bleiben, führt Strößenreuther aus. Schon bis 2050 könne eine Erderwärmung von drei Grad erreicht sein. »Solche Temperaturen werden das neue Normal. Und wir müssen uns jetzt systematisch darauf vorbereiten.«

Gendarmenmarkt, Alexanderplatz, Humboldt Forum: Auf stark versiegelten Flächen staute sich am Wochenende die Hitze an. Orte wie diese, »neu gestaltete oder sanierte Plätze und Straßenräume ohne ausreichende Baumbeschirmung«, bezeichnet der Baumentscheid in einer neuen Mitteilung als »Stadtglatzen«. Hier wollen die Aktivist*innen am Samstag zwischen 13 und 15 Uhr mit einer Wärmebildkamera die jeweiligen Oberflächentemperaturen nachgemessen haben. Die Ergebnisse bringen den »Muckefuck« schon beim Lesen zum Kochen.

48,8 Grad am Gendarmenmarkt, 53,9 Grad am Alex und 50,6 Grad am Humboldt Forum zählen dabei noch zu den gemäßigten Werten. In den Top drei finden sich der Platz zwischen Kanzleramt und Bundestag (59 Grad), die Heidestraße bei der Europa-City (59,9 Grad) sowie der gemütliche Washingtonplatz am Hauptbahnhof (62,6 Grad). »Hätten wir erst um 16 oder 17 Uhr gemessen, wären die Werte wahrscheinlich noch höher gewesen«, sagt Strößenreuther. Damit es Berliner*innen künftig erspart bleibt, auf einer 55 Grad heißen Friedrichstraße shoppen zu gehen, fordert er – wenig überraschend – die Umsetzung des Berliner Klimaanpassungsgesetzes, das 2025 aus dem Volksbegehren der Baumentscheid-Initiative hervorging.

Bild des Tages

Sorgt hier mal für kühle Gemüter: Wasserwerfer der Berliner Polizei | Foto: dpa/Carsten Koall

Anzeige

Hakesche Hoefe Kino
Für drei Milliarden Euro sollen demnach Hitzequartiere abgekühlt, Bäume gepflanzt und zusätzliche Grünflächen und Parks geschaffen werden. Bis zu zwanzig Grad kühler kann es laut Baumentscheid e.V. unter Bäumen werden. Der schwarz-rote Senat aber, kritisiert Strößenreuther, komme nicht in die Gänge. Ende Mai habe das Projekt eigentlich starten müssen, doch der Senat stelle nicht die nötigen Ressourcen bereit.

»Es wurde noch kein Mitarbeiter extra abgestellt«, sagt Strößenreuther. »Das ist, als würde man eine halbe Praktikantenstelle mit dem Bau des BER betreuen.« Stattdessen plane die CDU lieber, Hunderte Bäume auf dem Tempelhofer Damm zu fällen. Mit einer Petition will die Initiative den Regierenden Kai Wegner zum Handeln bewegen. Gegen die Pläne am Tempelhofer Damm ist eine Demonstration für kommenden Sonntag geplant.

Der »Muckefuck« aber hat Verständnis. Die Hitze lähmt uns alle, wahrscheinlich auch den Senat. Folgen wir den Worten der Innensenatorin Iris Spranger, die gestern den Einsatz der Wasserwerfer, zur Abwechslung mal im friedlichen Kontext, als »sehr, sehr gute Idee« lobte, ist die Sache klar: Auch vor dem Abgeordnetenhaus könnte die Berliner Polizei für Abkühlung sorgen. Eine Investition in den Klimaschutz sind die Fahrzeuge übrigens allemal. Wie der »Muckefuck« in Kurzrecherche herausfand, kostet die Anschaffung eines dieser Wasserwerfer (vom »Spiegel« liebevoll »Nassmacher« genannt) rund 900.000 Euro.

Die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, sind derweil die Angestellt vom Berliner Anne-Frank-Zentrum gewohnt. Seit Jahren organisieren sich die Mitarbeiter*innen, damit ihr Arbeitgeber als eigenständiger Verein, der aber öffentliche Förderung erhält, den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes der Länder (TV-L) anwendet. Trotz allen Erfolgen lagen die Löhne der Festangestellten beim Anne-Frank-Zentrum zuletzt teilweise noch unter den Einkommen TV-L-Beschäftigter. Nun wurden neue Vereinbarungen über bessere Arbeitsbedinungen getroffen.

Wie die Gewerkschaft Verdi mitteilt, habe man die »dynamische Bezugnahme« zum TV-L wieder einsetzen können. Außerdem sei es gelungen, sich auf Verbesserungen zu einigen, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht. »Das ist richtig fett«, sagt Verdi-Verhandlungsführerin Jana Seppelt unserem Gewerkschaftsexperten Christian Lelek. Auch wenn noch nicht alle Ziele erreicht seien, sieht sie einen wichtigen Schritt nach vorne. Welche Verbesserungen die Gewerkschaft im Einzelnen erzielen konnte, erfahrt ihr in seinem Text.

Dankt dem lieben Herrgott für jeden Tropfen Regen:
Patrick Volknant
Auch wir Journalist*innen müssen unsere Bohnen verdienen:
Ich trage zur Kaffeekasse bei!

Was heute noch wichtig ist:

Mauerweg: Freie Fahrt im ehemaligen Sperrgebiet

In Teltow wurde ein weiterer Abschnitt des Berliner Mauerwegs saniert. Die Ausbesserung der gesamten Strecke soll bis 2028 abgeschlossen sein.

Andreas Fritsche

Die Zeit der AfD ist in Brandenburg noch nicht gekommen

Bei der Landratsstichwahl in Ostprignitz-Ruppin besiegt SPD-Landrat Ralf Reinhardt den AfD-Kandidaten Torsten Arndt.

Andreas Fritsche

Aufgemuckt

»Unsere Beschäftigten haben 120.000 Hauptstädtern die Möglichkeiten geboten, sich an diesen heißen Tagen abzukühlen, und zugleich für ihre Sicherheit gesorgt. Dafür gebührt ihnen Dank!«

Nach dem Hitze-Wochenende bedankt sich der Vorstand der Berliner Bäderbetriebe bei seinen Beschäftigten

Meine Sicht: Die Berliner Mauer noch im Kopf

Für die deutsche Teilung soll es keine andere Erklärung geben als die SED-Diktatur, aber es gibt dennoch andere Sichtweisen.
Andreas Fritsche

Das könnte dich auch interessieren:

Graz wählt wieder Elke Kahr von der KPÖ

In Graz hat die KPÖ die Kommunalwahlen erneut gewonnen. Das Rezept von Bürgermeisterin Elke Kahr: Soziale Politik zum Wohle der breiten Bevölkerung.

Dieter Reinisch, Wien

Golf-Länder wollen Straße von Hormus umgehen

Im Wettlauf gegen die Zeit suchen Exportländer nun nach Wegen, den Rohstoff Öl anders ans Ziel zu bringen.

Johannes Sadek & Ramadan Al-Fatash, Dubai

Salami gegen Marmelade

Brutalität, mit Zärtlichkeit erzählt: Lena Schätte gewinnt in Klagenfurt den 50. Ingeborg-Bachmann-Preis. In einem diversen Wettbewerb ohne Ossis.

Karsten Krampitz

Anzeige

Digital Abo

Und später:

Heute, 30. Juni um 19:30 Uhr
Regenbogenfabrik
Lausitzer Straße 21a, 10999 Berlin
Eintritt frei

Info-Veranstaltung: »Gewaltschutz bleibt politisch!«

Die Regenbogenfabrik in Kreuzberg lädt heute ein zu einer Info-Veranstaltung über das Gewalthilfegesetz: »Lasst uns über die Ursprünge der autonomen, feministischen Anti-Gewalt-Arbeit sprechen: Wie war es damals und wie sieht es eigentlich heute aus, wo das Gewalthilfegesetz droht, die autonomen Strukturen vollends zurückzudrängen? Denn gerade jetzt ist es wichtig, in einen Austausch miteinander zu kommen, um Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren und Antifeminismus und Faschisierung gemeinsam entgegenzuwirken! Unsere Vernetzung soll dabei eine Brücke sein zwischen Hauptamtlichen und somit Expert*innen der Anti-Gewalt-Arbeit und der linken, feministischen Szene.«

Video des Tages

Frank Schöbel & Chris Doerk – Heißer Sommer | Quelle: YouTube/Ostmusik

»Klassentreffen« ist ein Podcast über Klasse, Krise und Kultur mit Olivier David. Jeden Monat neu auf
dasnd.de/klasse


Podcast: »Klassentreffen«

Muckefuck wurde dir empfohlen und
du möchtest es abonnieren?

Deine Tasse Muckefuck ist leer, für heute.
Wir machen dich morgen früh wieder wach
und freuen uns über dein Feedback.
custom instagram facebook custom youtube custom website