Muckefuck. Berlin. Links. Ungefiltert.

Freitag, 25. September 2026

Herzblatt fürs SEZ gesucht:
Wohnungsgesellschaft WBM schreibt erneut Vollabriss für DDR-Erbe aus

Parteien zum Koalieren gesucht:
Wie Linke, Grüne und SPD in Berlin zusammenfinden könnten

Plan für die Zukunft gesucht:
Hauptstadt-SPD muss sich nach krachender Wahlniederlage erst mal sammeln
Guten Morgen,

dahin ist der Traum vom großen Sportfest, ausgerechnet 100 Jahre nach 1936: Berlin hat seine Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Spiele zurückgezogen. Den Noch-Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der während seiner Amtszeit lieber an anderen Ecken sparte, macht das traurig. »Olympische und Paralympische Spiele wären eine Riesenchance für Berlin und für Ostdeutschland gewesen«, wird er am Donnerstag in der Presse zitiert. Wegners Sorge um Sport und Kultur im Osten ist groß. Nur für den Berliner Ortsteil Friedrichshain scheint das nicht zu gelten: Dort wird schon wieder der vollständige Abriss des ehemaligen Sport- und Erholungszentrums der DDR, kurz SEZ, ausgeschrieben.

Die Suche nach der passenden Abrissbirne ist nicht immer leicht. Das musste die landeseigene Wohnungsgesellschaft WBM, Eigentümerin des SEZ, in den vergangenen Jahren schmerzlich erfahren. Wir erinnern uns: Um Platz für 600 Wohnungen, eine Schule und Gewerbe zu schaffen, plante der schwarz-rote Senat, das frühere Vergnügungsbad SEZ an der Landsberger Allee nach dessen Rückkauf von einem privaten Investor abzureißen. Doch nach zahlreichen Protesten für den Erhalt des ikonischen Ostmoderne-Baus und nach Abrissarbeiten, die aus Naturschutzgründen pausiert werden mussten, stoppten Bausenator Christian Gaebler (SPD) und die WBM zuletzt die Ausschreibung für einen Vollabriss des symbolträchtigen Baus.

Doch jetzt, direkt nach der Berlin-Wahl, hat sich die WBM offenbar wieder ein Herz gefasst. Auf den einschlägigen Dating-Plattformen der Baubranche sucht sie nach dem richtigen Partner für »Schadstoffsanierung und Rückbau des gesamten Gebäudekomplex samt Außenanlagen« – und offenbar auch nach dem korrekten Genitiv für »Gebäudekomplex«. Darüber überhaupt nicht erfreut zeigt sich Susanne Lorenz von der Bürgerinitiative »SEZ für alle!«. »Das ist eine Riesenschweinerei«, sagt sie dem »Muckefuck«. Politisch habe man sich darauf geeinigt, über das SEZ nach den Wahlen unter einem womöglich neuen Senat entscheiden zu wollen.

»Es ergibt überhaupt keinen Sinn, jetzt wieder eine Ausschreibung für den Vollabriss zu machen, nachdem man ihn gerade erst zurückgezogen hat«, sagt Lorenz. Klammheimlich, während alle über die Wahl und Antisemitismus reden, würde die WBM versuchen, am SEZ Fakten zu schaffen. »SEZ für alle!« fordert Noch-Bausenator Gaebler nun auf, ein sofortiges Abrissmoratorium auszusprechen, damit wie vereinbart die Koalitionsverhandlungen abgewartet werden können. »Und die WBM sollte sich auf ihre Pflicht konzentrieren, das Areal vor Vandalismus zu schützen.« Grundstück und Gebäude sind der Initiative zufolge nicht gesichert, Privatpersonen seien mehrfach auf dem Areal gesichtet worden.

Auch die Linksfraktion im Abgeordnetenhaus kritisiert die erneute Ausschreibung. »Es ist auch eine bemerkenswerte Respektlosigkeit vor dem Parlament und eine Geringschätzung des Wählerwillens«, teilt der Abgeordnete Michael Efler mit. Die Berliner Linke fordert eine unabhängige Machbarkeitsstudie, bei der untersucht werden soll, wie der Bau einer Schule und von Wohnungen mit einer Sportnutzung kombiniert werden kann. Die WBM selbst teilt laut »Tagesspiegel« mit, einfach nur den nächsten Schritt gehen zu wollen. Eine Beauftragung für den Abriss sei nicht zwangsläufig mit der Veröffentlichung der Ausschreibung verbunden. Der »Muckefuck« rät trotzdem zur Vorsicht: Wer den richtigen Partner finden möchte, sollte sich vorher sicher sein, was er eigentlich vom anderen will.

Bild des Tages

Liebt das Risiko – in der Politik wie auch beim Teetragen: Bausenator Christian Gaebler (SPD) am Donnerstag im Abgeordnetenhaus | Foto: dpa/Fabian Sommer

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Susanne Lorenz und die Mitglieder von »SEZ für alle!« hoffen, dass das SEZ schon bei den anstehenden Koalitionsverhandlungen zwischen Linken, Grünen und SPD auch eine Rolle spielen wird. Die entscheidenden Themen dürften natürlich andere sein: Verkehr, Bildung, der Kampf gegen Antisemitismus und natürlich die Frage, wie man als möglicher Senat der Zukunft dem Mietwahnsinn in der Hauptstadt Herr werden will. Die Linke, das hat sie unlängst klar gemacht, möchte den Volksentscheid von 2021 umsetzen, in dem eine Mehrheit der Berliner*innen für die Vergesellschaftung der Wohnungsbestände großer Immobilienunternehmen stimmte.

SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hingegen hatte noch im Wahlkampf versprochen, dass es mit ihm keine Enteignungen in der Hauptstadt geben werde. Im Wahlprogramm der Sozialdemokrat*innen heißt es: »Wir schaffen eine neue soziale Wohnungsordnung, die den gemeinwohlorientierten Wohnungsmarkt stärkt und signifikant ausbaut. Dafür nutzten wir alle rechtlichen Möglichkeiten – auch solche, die uns die Verfassung bietet.« Ob und wie Linke, Grüne und SPD sich trotz unterschiedlicher Vorstellungen und Wahlversprechen in den Koalitionsverhandlungen einigen können, hat der Kollege Andreas Fritsche für euch in einer Übersicht zusammengefasst. Den Text findet ihr hier.

Den vollen Fokus auf die SPD richtet derweil unser Redakteur Marten Brehmer. Kurz nach der Wahl beobachtet er eine angespannte Stimmung in den Berliner Reihen der ehemaligen Volkspartei. Sonst gesprächige Genoss*innen, schreibt Marten, reagieren nicht auf Anrufe, und wenn sie sich doch mal äußern, dann nur unter äußerster Vorsicht. Der Frust nach den gerade einmal 12,6 Prozent, die die SPD bei der Berlin-Wahl erreichen konnte, ist groß. Am Dienstag musste sogar der langjährige Fraktionschef Raed Saleh seinen Hut nehmen.

Saleh galt einmal als so etwas wie der Hoffnungsträger der Berliner Sozialdemokrat*innen. »Die Menschen schreiben uns in unseren Kernfeldern keine Kompetenzen mehr zu und wissen nicht, wofür wir stehen«, teilt Saleh nun in seinem Rücktrittsschreiben mit. »Sie vertrauen uns nicht mehr.« Seinen Rückzug hatten einige Parteikolleg*innen bereits am Tag nach der Wahl gefordert. Warum Saleh letztlich gehen musste und wie es jetzt weitergehen soll im Kurt-Schuhmacher-Haus – all das lest ihr hier in Martens Analyse.

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